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  • Liebe Leserinnen, liebe Leser,

    manche Dinge und Ereignisse sind unvorhersehbar und damit unausweichlich. Andere wären vermeidbar, wenn man sie denn rechtzeitig vorhersehen könnte. Wäre die Titanic unter Volldampf gegen den Eisberg gefahren, wenn Captain Smith und die Männer im Ausguck ihn hätten kommen sehen? Wohl kaum. Es gab zwar Eisbergwarnungen, aber der Ozean war ruhig und an Bord alles in bester Ordnung. Den allermeisten Passagieren ging es ausgezeichnet – bis zur Kollision. In gewisser Weise befindet sich die Menschheit im 21. Jahrhundert in einer ähnlichen Situation. Die Warnungen über die drohenden Auswirkungen des Klimawandels und der Ressourcenknappheit liegen uns längst vor, und dennoch segeln wir ungebremst weiter auf unserem Kollisionskurs. Dabei hat die UN es erst kürzlich offiziell bestätigt: Bereits im Jahr 2050 werden wir knapp 10 Milliarden Menschen sein. 10 Milliarden, die spätestens dann möglichst alle so komfortabel leben wollen wie wir Europäer bereits heute mit unseren 22 Tonnen Rohstoffverbrauch pro Kopf und Jahr. Zum Vergleich: China liegt erst bei einem Verbrauch von 11 Tonnen jährlich je Einwohner. Dass der Planet für so ein Szenario gar nicht genug Rohstoffe bereitstellen kann und es überdies auch bei jenen Rohstoffen, die bis dahin vielleicht noch ausreichend verfügbar sind, im Sinne des Klimaschutzes nicht sehr klug wäre, sie unbegrenzt zu heben und zu verbrauchen, das ignorieren wir bislang weitestgehend. 

    Das Problem mag in unserer menschlichen Natur begründet sein. Unser Leben verläuft auf einer Linie mit einem Anfangspunkt und einem Endpunkt. Lineares Denken ist bei uns gewissermaßen systemimmanent. Genauso haben wir seit dem ersten Gebrauch eines Faustkeils auch unsere Produkte erdacht und produziert. Vom Anfangspunkt der Idee und von ihrer Entwicklung über die Nutzungsphase bis zum Endpunkt, wenn das Produkt kaputt ging und damit unbrauchbar wurde. Ein Danach gab es einfach nicht. Angesichts der Anforderungen an eine nachhaltige Wirtschaft wird es nun aber höchste Zeit, aus der Linie einen Kreis zu formen.

    Dabei gibt es längst praktikable Lösungen für unser Versorgungsproblem. Weltweit forschen Menschen an neuen Technologien und besseren Verfahren, um Rohstoffe konsequent im Kreis zu führen. Recycling muss endlich zu dem werden, was der Name impliziert: zur Rückführung aller Rohstoffe in den Produktionskreislauf. Das Wirtschaftswachstum muss sich vom Rohstoffverbrauch entkoppeln. Um das zu schaffen, bedarf es noch einiger bedeutender Schritte. Als Erstes muss eine europaweit verbindliche Ökodesignrichtlinie auf den Weg gebracht werden, die nicht nur wie bisher die Energieeffizienz berücksichtigt, sondern auch der Rohstoffeffizienz und Recyclingfähigkeit aller Produkte ein Höchstmaß an Bedeutung zumisst. Zweitens muss deutlich mehr Kapital in die Erforschung, Entwicklung und Realisierung zusätzlicher und besserer Sortier- und Verwertungsanlagen investiert werden, um eine höchstmögliche Qualität der wiedergewonnenen Rohstoffe zu gewährleisten. Und drittens bedarf es eines politischen Anreizes für die Industrie, zukünftig mehr Recyclingrohstoffe für ihre Produktion einzusetzen. Besonders die Digitalisierung und die E-Mobilität benötigen enorm viele Rohstoffe. Die klimafreundlichste Quelle, die uns zudem unabhängig hält, ist der Recyclingrohstoff.

    Noch ist unser Dampfer zwar halbwegs intakt, aber unverändert auf Kollisionskurs mit Mutter Natur. Wenn wir jetzt als Menschheit die richtigen Schlüsse ziehen und weitsichtige Schritte für mehr und besseres Recycling einleiten, können wir das Ruder noch herumreißen.

    Gründe für Optimismus gibt es genug. Einige davon finden Sie in diesem Heft.

    Ihr Ludger Rethmann

Umdenken ist angesagt

Von Natur aus denkt der Mensch analog zum eigenen Lebensverlauf linear: vom Anfang bis zum Ende. Ein Davor und Danach gibt es in unserer Vorstellungswelt, wenn überhaupt, nur im immateriellen Sinne als Glaubensfrage. In der realen Welt der Produktion und des Konsums erweist sich diese lineare Denkweise jedoch zunehmend als Problem. Angesichts des weltweiten Bevölkerungswachstums bei gleichzeitig steigendem Konsum und sinkendem Rohstoffangebot kann die Lösung für die Zukunft nur in einer echten Kreislaufwirtschaft liegen. Wir werden in Zukunft alle Produkte und Rohstoffe konsequent im Kreis führen. Tun wir das nicht, drohen zunehmend katastrophale Umweltprobleme und wirtschaftliche Verwerfungen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen um den Zugang zu Rohstoffquellen. Um das zu verhindern, braucht es drei konkrete Ansätze, wie wir aus der Linie einen geschlossenen Kreis machen können.

  • 1. Ökodesignrichtlinie

    Die in der EU geltenden Ökodesignrichtlinien beschränken sich im Wesentlichen auf die Energieeffizienz von Produkten wie Haushaltsgeräten und anderen Verbrauchern. Spezifische Anforderungen an die Produkte sind auf Basis messbarer Größen mit Grenzwerten formuliert.

    Beispiele hierfür sind Anforderungen

    • an die Energieeffizienz in Form von Grenzwerten für die Leistungsaufnahme in Watt pro bestimmter Funktion, als Energieeffizienzindex, Wirkungs- oder Nutzungsgrad
    • für bestimmte Schadstoffe in Form von Emissionsgrenzwerten
    • an die Gebrauchstauglichkeit, zum Beispiel Mindestbrenndauer von Lampen

    Anforderungen an die Produktinformation legen gleichzeitig fest, welche Produktinformationen die Hersteller den Verbraucherinnen und Verbrauchern auf dem Produkt, der Verpackung, in Form eines Datenblattes oder im Internet bereitstellen müssen. Um den Anforderungen an eine moderne Recyclingwirtschaft gerecht werden zu können, muss die Ökodesignrichtlinie der Zukunft um den Punkt der Rohstoffeffizienz erweitert werden.

    • Alle Produkte müssen schon in der Entwicklungs- und Designphase so gestaltet werden, dass am Ende des Produktlebenszyklus alle darin enthaltenen Rohstoffe möglichst zu 100 Prozent zurückgewonnen und recycelt werden können.
    • Die Produktinformationen für die Verbraucherinnen und Verbraucher müssen ein Recyclingeffizienzlabel enthalten, analog zum etablierten farbigen Balkendiagramm für die Energieeffizienz. An diesem Recyclinglabel lässt sich schnell erkennen, wie gut das Produkt zu recyceln ist und zu wie viel Prozent es aus bereits recycelten Rohstoffen besteht.
    • Die Rohstoffeffizienz muss eine höhere Priorität als die Energieeffizienz haben, denn die Rohstoffknappheit ist deutlich höher als die Energieknappheit.

2. Verbesserung der Sortier- und Verwertungsqualität

Der Weckruf kam Anfang des Jahres 2018 aus China. Das Umweltministerium in Peking hatte bereits 2017 die Welthandelsorganisation unterrichtet, dass ab Anfang 2018 sukzessive für 24 unsortierte Abfallsorten ein Importstopp verhängt werde, darunter Plastikabfälle, Elektroschrott und sogar Altpapier. Mit diesem Schritt hat China den politischen und wirtschaftlichen Handlungsdruck in Europa und anderen Teilen der Welt deutlich erhöht.

Allein aus Deutschland wurden bislang 1,5 Millionen Tonnen Plastikabfälle nach China verschifft. Dies entspricht mehr als der Hälfte der in Deutschland anfallenden Gesamtmenge. Gleichzeitig hat die Politik in Deutschland die Weichen für mehr stoffliches Recycling gestellt. Die derzeit geltende stoffliche Verwertungsquote von 36 Prozent der Plastikabfälle soll bis 2022 auf 63 Prozent angehoben werden. Parallel dazu arbeitet auch die Europäische Union an einem neuen Kreislaufwirtschaftspaket mit dem Ziel, die stofflichen Recyclingquoten in den Mitgliedstaaten spürbar anzuheben.

Deutschland und Europa müssen mehr in die optimale Sortierung und Verwertung investieren, um die Menge und Qualität der zurückgewonnenen Rohstoffe zu steigern. Nur so werden Recyclingrohstoffe zunehmend sowohl preislich als auch qualitativ zu einer attraktiven Alternative für das produzierende Gewerbe. Auch die öffentliche Hand muss in diesem Sinne bei Vorgaben der Beschaffung vorangehen (green public procurement). Die wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Förderländern sogenannter Primärrohstoffe wird sinken. REMONDIS investiert bereits heute in neue Sortier- und Verwertungsanlagen, so zum Beispiel in Europas größtem Zentrum für industrielles Recycling, dem Lippewerk in Lünen, wo im Jahr 2018 neben einem neuen Kompostwerk mit Biogaserzeugung auch zusätzliche Extruderlinien für die Kunststoffgranulierung sowie für die Folienproduktion aus recycelten Folien entstehen.

  • Es bedarf europaweit höherer Investitionen in die Sortierung und Qualitätssicherung von Rezyklaten

3. Anreizsystem für den Einsatz von Rezyklaten in der Produktion

„Es ist sinnvoll, dem Ressourceneinsatz eines Produkts den Nutzen, mit dem es verbunden ist, gegenüberzustellen.“ Das schreibt der BDI in seinem „Faktencheck: Rohstoffeffizienz“. Grundsätzlich lässt sich der Rohstoffeinsatz für die Produktion nicht beliebig senken. Er wird bestimmt durch die Nutzungsanforderungen an das jeweilige Produkt, den technischen Entwicklungsstand und gesetzlich vorgegebene Normen. Die deutsche Industrie erwirtschaftet 46 Prozent ihres Umsatzes durch den weltweiten Export ihrer Produkte. Gleichzeitig ist sie zu nahezu 86 Prozent auf Rohstoffimporte aus dem Ausland angewiesen. Lediglich 14 Prozent der benötigten Rohstoffe stammen bereits heute aus dem Recycling. Hier bietet sich die Chance für eine echte Winwin-Situation. Mehr Einsatz von qualitativ hochwertigen Rezyklaten aus der heimischen Rohstoffquelle Abfall bedeutet weniger Beschaffungsdruck und Abhängigkeit von volatilen internationalen Rohstoffmärkten.

Die Politik muss positive Anreize für den Einsatz von mehr Recyclingrohstoffen in der Produktion schaffen.

Doch bis heute gibt es seitens der Industrie Berührungsängste mit Recyclingrohstoffen, die angesichts der Tatsache, dass diese in vielerlei Hinsicht überlegen sind, kaum noch nachvollziehbar erscheinen. Um die Verwendungsquote von Rezyklaten in Zukunft zu erhöhen und so den heimischen Absatzmarkt für nachhaltige Recyclingrohstoffe zu stärken, bedarf es eines politisch forcierten Anreizsystems. Für ein solches Anreizsystem gibt es unterschiedliche Ansätze. Zwar schreibt der BDI, dass Eingriffe wie eine Steuer auf den Einsatz von Rohstoffen zu Wettbewerbsnachteilen gegenüber Unternehmen aus anderen Ländern führen könnten und deutsche Unternehmen zur Verlagerung der Produktion ins Ausland zwängen. Ein positiver Effekt auf die globale Ressourceneffizienz sei dadurch jedoch kaum zu erwarten.

Im umgekehrten Sinne könnte eine steuerliche Entlastung für die Industrie bei der Verwendung von Rezyklaten aus europäischen Quellen jedoch durchaus einen Anreiz und gleichzeitigen Wettbewerbsvorteil darstellen. Eine Stärkung der Rücknahmesysteme, Lizenzgebühren und andere Steuerungsinstrumente sind ebenfalls denkbar. Für welchen Weg sich die Politik auch entscheiden mag, als Nebeneffekt wird durch die Förderung von Recyclingrohstoffen die europäische Abfall- und Recyclingwirtschaft gestärkt, die heute bereits alleine in Deutschland eine Viertelmillion Arbeitsplätze stellt und zu den größten Wachstumsmotoren in Europa zählt.

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